Unachtsamkeit war gestern!
 
Das heterogene Gemeinschaftsprojekt-
oder welche Vorteile birgt eine Menge unterschiedlicher Menschen?
 
Menschen sind verschieden. Das ist gut. Doch wer heute lebt und etwas genauer auf seine Mitmenschen, den Umgangston im Allgemeinen und die Politik achtet, der wird sehr rasch bemerken, dass uns aus unserer Verschiedenheit oder Andersartigkeit ein Strick gedreht wird. Da gibt es zum Beispiel die Menschen, die sich durch herablassende Bemerkungen über andere erhöhen und sich dann besser fühlen. Die Politik spricht heute über Klimawandel und morgen über Familien. Andere wiederum über Islam und Religion. Wieder andere äußern sich gar nicht. Die Meinungen sind breit gestreut, die Medien regen zum „Mitschimpfen“ an und keiner bemerkt mehr, wie wir gegeneinander ausgespielt werden. Man möchte uns weiß machen, dass wir unfähig zu Übereinstimmung und Gemeinschaft sind. Das zeigt sich nicht nur im Umgang miteinander sondern auch in der Arbeitswelt.
Da werden doch glatt Menschen klassifiziert. Ganz nach der Devise: Einmal Bäcker - immer Bäcker. Nur weil der junge Mann mit 15 eine Bäckerlehre machte, muss er bis zum Lebensende Bäcker bleiben? Vielleicht entdeckt er mit 20 sein Talent für Kinderbetreuung? Oder im akademischen Bereich: BWLer beispielsweise gehen je nach Spezialisierung in Logistik, Personal, Marketing oder Controlling und sind meist mit dem ersten Job auf eine Branche festgelegt. Personaler und Vermittler sieben Wunschkandidaten aus dem zahlreichen Bewerberangebot heraus und wählen nach eben diesen Spezialisierungen. „Nie im Bereich Automobil gewesen, na dann klappt es auch nicht mit dem Job bei diesem Kunden, der ist ja ein KfZ-Zubehör-Lieferant“. Niemand scheint heute mehr zu schätzen, dass Unterschiede auch Kreativität, Motivation und Produktivität in sich bergen können und dass in einer Gemeinschaft einer vom anderen lernen und sogar von anderen Herangehensweisen profitieren kann.
Scheinbar besser machen es da die so genannten Branchen-Häuser: Ob Anwalts- oder Steuerberater- oder auch Medienhaus, sie schließen sich zusammen um gemeinsame Annehmlichkeiten zu nutzen - so beispielsweise ein Sekretariat oder eine Poststelle für alle - um Kosten klein zu halten. Dieses gemeinschaftliche Arbeitskonzept birgt allerdings eine Gefahr: Wettbewerb und Konkurrenz. Auch wenn Konkurrenz das Geschäft beleben mag - wie das alte Sprichwort sagt - ist es doch fraglich ob da nicht der ein oder andere die gewählte Gemeinschaft „verflucht“, wenn der Kollege nebenan den größeren Kunden geangelt hat.
Im Privatleben gibt es Ähnliches zu beobachten. Nach dem Motto „Mein Haus, mein Auto, mein Garten, mein Pool“ erscheint bei den einen der persönliche Egoismus bunteste Blüten zu treiben: Das Zuhause soll möglichst angenehm aber auch dem beruflichen Stand angemessen sein. Denn sollten einmal Gäste vorbei schauen, dann muss sich der Erfolg doch auch in der Wohnung widerspiegeln, oder etwa nicht? Bei den anderen zeigt sich ein gewisser Gemeinschaftssinn: Die Wohngemeinschaft ist schon lange nicht mehr Studenten und Auszubildenden vorbehalten. Gestanden Berufstätige mittleren Alters wohnen gemeinschaftlich in einer WG, teilen sich anfallende Kosten und freuen sich, dass sie nicht alleine sind! Gerade in der Stadt, die auch einsam machen kann, wird diese Form der Gemeinschaft als positiv erfahren. Besonders bei Pensionären und Ruheständlern geht die Tendenz zum gemeinschaftlichen Wohnprojekt, das im Bedarfsfall auch Räumlichkeiten für eine 24-Stunden-Pflege bereit hält.
Wie homogene Gruppen sich finden ist nun klarer. Jeder ist zwar Individuum, doch das verbindende Glied ist entweder das gemeinsame „Schimpfen“, die Branche, das Alter oder eben ein bereits gefühlter Gemeinschaftssinn.
Doch eine echte Chance für Modernität, Kreativität, zukunftsweisende Perspektiven und letztlich auch Erfolg bietet alleine die heterogene Gemeinschaft! Allerdings fordert diese auch ein, dass jeder als Individuum agiert und andere Individuen respektiert. Das impliziert, dass keiner besser oder schlechter ist, keiner erfolgreicher oder produktiver, keiner schöner oder hässlicher. Jeder lässt jeden leben und freut sich an dessen Andersartigkeit und sieht diese als Chance und Bereicherung für sich selbst. In einer heterogenen Gemeinschaft lässt es sich auch leben und arbeiten. Warum nicht mit Alten und Jungen, Singles und Paaren, Mittelalten und Kindern ein großes Haus bewohnen? Warum nicht auch dort noch arbeiten. Sich gegenseitig helfen, sich in seiner Kreativität untereinander befruchten? Was spricht gegen verschiedene Branchen in einem Gebäude? Eigentlich nichts, denn gemeinsam kann man sein Dienstleistungsportfolio noch besser darstellen, bewerben und anpreisen. Was im Kaufhaus und im Supermarkt schon lange normal ist, sollte doch auch in einem gemeinsamen Arbeitshaus möglich sein, oder? Was die Großfamilie früher auf dem Land war, das wird zukünftig die „heterogene Gemeinschaft“ in der Stadt sein!
Warum wir eine solche heterogene Gemeinschaft anstreben müssen und werden? Das zeigt sich ebenso in den vorgenannten Beispielen: Jeder weiß schon heute, dass man einander braucht. Obwohl wir alle egoistische Einzelgänger sind, gruppieren wir uns doch vermehrt zu kleinen Gemeinschaften zusammen. Wir haben Freunde aus unserer Firma, die auch keine Lust mehr haben dort zu arbeiten. Wir leben unseren Gemeinschaftssinn im Verein oder als Fan einer Fußballmannschaft - zur Fußball WM 2006 war Deutschland im Grunde eine heterogene Gemeinschaft: Metzger und Banker, Kinder und Omas, Linke und Rechte - viele lagen sich in den Armen und haben gemeinsam gefeiert. Die Unterschiede waren null und nichtig und für Augenblicke sekundär - man hatte ein gemeinsames Thema. Das beweist, dass wir Menschen dazu fähig sind, über unsere gelernten Grenzen und Konventionen hinaus zu gehen. Warum sollten wir nicht das wieder erwecken, was wir bei gemeinsamen Erlebnissen empfanden? Warum nutzen wir nicht das eine uns alle verbindende Glied:
eine „gemeinsame Zukunft“ in einer heterogenen Gemeinschaft.